Arbeit

PALAST

PALAST Ausstellung mit Arbeiten von Anne Moder im Kunst- und Kulturverein Spedition Bremen e.V. 2020

Fotos von Konstanze Spät

 

Wir haben einen Raum gebaut. Ein alter, verdreckter, glänzender, neuer Raum, in welchem sich zwei oder mehrere Erinnerungswelten treffen und miteinander kommunizieren.

Aus unserem intensiven Austausch und gemeinsamen Auseinandersetzen mit Familie und Generation sind auf mehreren künstlerischen Ebenen Dialoge entstanden. Hier vermischen sich Tatsächlich-Erlebtes mit Mutmaßungen, Spekulationen und Unterstellungen. Teils, weil Erinnerung sich immer nur subjektiv bilden kann, teils, weil über Dinge aus der Vergangenheit entweder bewusst geschwiegen wird, oder schlichtweg nicht mehr erfragt werden kann. Und teils auch, weil wir eine Auseinandersetzung provozieren wollen.

Unsere Ausstellung in Kombination mit unserem Rahmenprogramm ist auch ein Versuch die Rezeptionsebene der DDR Geschichte wieder neu zu lesen und zu erzählen. Zu überlegen welche Sprache geeignet ist, um über verschiedene Facetten dieser Geschichte reden zu können, ohne in üblichen Phrasen, Perspektiven und Begrifflichkeiten zu enden.

Als Frauen verschiedener Generation in Ostdeuschland geboren, setzen wir uns mit weiblicher Sozialisation auseinander. Stellen diese auf den Kopf, oder lassen sie abgearbeitet am Boden liegen. Leistung, Druck, Arbeit. Körperliche Restriktionen. Versuchen Erwartungen oder die Rezeption der in der DDR sozialisierten Frau zu erschließen und zu verformen. Überlegen, wie wir uns heutzutage in Gender verorten wollen, während wir nach queeren Momenten suchen, die immer schon da gewesen sind.

Die figurativen Malereien von Wiebke Mertens entwerfen „Bewohner:innen“, die ihre einstudierten Gesten offenlegen, sich aber auch abwenden, wegdrehen. Sie werden unfreiwillig, verkrampft, fragend und herausfordernd mit Installationen von Anne Moder konfrontiert. Dadurch entstehen Inhalte; Geschichten die so gewesen sein könnten.

Für uns hat der Titel Palast eine große Deutungsebene aufgemacht. Ein Palast, ein Ort mit vielen Hierarchien, Räumen. Ein Palast als Symbol für Herrschaft und Traditionen. Rollenbilder. Eine Last. Sich die Vergangenheit einer Familie, eines Landes anschauen, sich selbst darin wiederfinden, oder sich angeekelt distanzieren. Aber auf jeden Fall keine Möglichkeit haben sich der Vergangenheit zu entziehen.

In unserem Palast gibt es auch Gefühle. Zwiespältige Gefühle. Einerseits Sehnsucht nach Vergangenheit andererseits Wut über ein Hineingeborenwerden in eine Welt, zu der man zwangsläufig einen Umgang finden muss. Die Überforderung mit dieser Aufgabe und auch die Angst, das eben nicht hinzubekommen.

Hineingeboren in eine angebliche Harmonie und Idylle. Ausdruck dafür sind für uns beispielsweise Elemente von Inneneinrichtung oder die krampfhafte Aufrechterhaltung von Rollenbildern und rigiden Traditionen, in den von uns beleuchteten, deutschen Familiengeschichten. Welche noch nie damit geglänzt haben Vergangenheit angemessen aufzuarbeiten. Ganz im Gegenteil, eher alle Energie damit verwenden sich in Schweigen, Verdrängung und Vergessen zu hüllen.

Wir stellen die Fassaden als Fassaden dar ohne dem Anspruch zu unterliegen sie ganz durchdringen zu können.

Die Geste vom Neubauen, Dekonstruieren, Wiederholen, vom Erschaffen eines eigenen Palastes ist ein fast kindlicher Versuch, auf einfache Art und Weise über schwierige Dinge zu reflektieren. Sie ist auch ein Wunsch in einen Austausch mit Personen aus der Vergangenheit treten zu können.