Arbeit

Artist Statement 2018

1.

Es wäre töricht, wenn ein Autor dem Leser einreden wollte, seine Personen hätten tatsächlich gelebt. Sie sind nicht aus einem Mutterleib geboren, sondern aus ein paar suggestiven Sätzen, oder einer Schlüsselsituation. Tomas ist geboren aus der Redewendung “Einmal ist keinmal”, Teresa aus einem rumorenden Magen. 

(Zitat aus “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” von Milan Kundera)

 

Im Roman “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” ist Tomas aus einem Satz geboren und erweitert sich seine Welt. Meine Arbeiten sind auch aus einem Satz oder kurzem Text geboren. Oder sie gehen aus kleinen Dingen, alltäglichen Spalten oder unscheinbaren Stimmungen hervor und breiten sich weiter aus in ihre Umgebungen.  

 

Wenn ich Geschichten oder Situationen gefunden habe, halte ich sie mit der alten Analog-Kamera meines Vaters fest. Die Analog-Kamera ermöglicht es mir, Situationen, die ich haben möchte, sehr langsam erfassen zu können. 

Ich finde, dass diese Langsamkeit Liebe enthält. Fürs Gebären benötigt man Liebe.  

 

Heutzutage machen wir vieles einfach und schnell. Mit dem Handy macht man vollautomatisch viele Fotos und entscheidet sofort, ob sie gut fotografiert sind. 

Wohingegen man mit der Analog-Kamera Helligkeit, Komposition, Brennpunkt usw berücksichtigen muss. Das Foto kann nicht so leicht gelöscht werden, die Zahl des Aufnahmens sind beschränkt. (Solange ein Film nicht vollständig belichtet ist, bleiben die Fotos darauf verborgen. Um Fotos zu erhalten, braucht es Geduld.)

Ohne Liebe ist es nur ein beschwerliches mühsames Ding, den Film vollzukriegen.

 

Anstatt die Fotos einfach nur zu entwickeln, versuche ich sie mit dem Bleistift wie ein langsamer Drucker zu zeichnen. Oder ich siebdrucke sie. Dabei ist jedes Ergebnis mehr oder weniger unterschiedlich und erhält auch eine unerwartete Zufälligkeit. 

 

Ein großes Raster-Bild zu malen braucht auch Langsamkeit. Indem ich ähnliche Muster wiederhole, konstruiere ich ein Bild. Dieser Arbeitsprozess enthält nicht nur die Liebe, sondern auch den Schmerz, das Wohl und die Heilung.

 

2.

Gerasterte und collagierte Bilder sind künstlich und seltsam. Sie können ein interessantes Spiel sein. 

In den Rastern füge ich Motive instinktiv oder absichtlich zusammen. Ich behandle sie vielseitig. z.B. durch Analysieren, Rütteln, Zerbrechen, Verknüfen, Aufbauen und Übersetzen...

Das Motiv der letze Arbeit beeinflusst die Nächste. Sie wirken aufeinander und laufen immerfort.

 

Kann sich das Spiel immer weiter wiederholen? 

Kann diese Wiederholung unendlich gespielt werden?

Wohin kann das Spiel führen? 

Punkt für Punkt streich(l)e ich jedes schwebende Muster.

  

3.

Man schaut danach, aber sieht es nicht - man nennt es unsichtbar.

Man lauscht, aber hört es nicht - man nennt es geräuschlos.

Man greift es, aber kann es nicht halten - man nennt es unfaßbar.

 

Diese drei Dinge kann man nicht trennen, 

denn sie gehören zusammen; sie sind eins.

Die Oberseite ist nicht glänzend, die Unterseite nicht dunkel.

Dessen Ursprung kann nicht bennant werden. Es geht zurück bis zum Nicht-Existenten.

Obwohl es keine Gestalt hat, existiert es doch. Es ist verschwommen und schemenhaft.

Begegnet man ihm, sieht man nicht sein Gesicht. 

Folgt man ihm, sieht man nicht seinen Rücken.

                      Dao de Jing. 14. von Laozi.

 

Das obige Gedicht ist ein kurzer Teil von einer alten chinesischen Philosophie über das Wesen des Universums. Es passt zu meiner Arbeit und erklärt, wonach ich suche.

 

Seit langer Zeit habe ich ein Bild im Kopf, das ich nicht klar sehen und nicht erklären kann. Wenn ich versuche, es zu begreifen, entflieht und vergeht es. Das Gedicht erinnert mich daran, dass es nicht nur ein Bild ist, sondern das Herz und Wollen der Kunst sein können.

Obwohl ich noch nicht weiß, was genau ich suche, gehe ich langsam Schritt für Schritt vorwärts.

 

4.

Das koreanische Wort ‘malen’ bedeutet nicht nur ‘malen’, sondern auch ‘vermissen’. Vielleicht stammt das Wort ‘malen’ von ‘vermissen’? Wenn man jemanden vermisst, malt man dessen oder deren Gesicht im Herzen.    

Ich versuche zu malen, was ich vermisse und wonach ich mich sehne.